Fundamentalismus: Islamischer Fundamentalismus


Fundamentalismus: Islamischer Fundamentalismus
Fundamentalismus: Islamischer Fundamentalismus
 
Der islamische Fundamentalismus ist mit der politischen Machtübernahme des geistlichen Führers Ayatollah Ruhollah Mussawi Hendi Khomeini im Iran 1979 schlagartig in den Mittelpunkt des Interesses von Fachkreisen und Öffentlichkeit getreten. Seither ist er den unterschiedlichsten Deutungen in Politik, Wissenschaft und Medien ausgesetzt. Diese erklären beispielsweise die iranische Variante des islamischen Fundamentalismus zum neuen Feindbild der westlichen Zivilisation nach dem Untergang des Kommunismus; auf der anderen Seite wird die Machtübernahme der islamischen Geistlichen im Iran — der Mullahs — als Missbrauch des Islam zu politischen Zwecken dargestellt, der in weiten Teilen der islamischen Welt auf Ablehnung stößt.
 
Wissenschaftlich unhaltbar sind alle Erklärungen, die den Fundamentalismus als das eigentliche Wesen des Islam hinstellen und die iranische Revolution von 1979 als logische Konsequenz des neuen islamischen Selbstbewusstseins seit den Siebzigerjahren sehen. Die interkulturell vergleichende Forschung hat seit dem Ende der Achtzigerjahre gezeigt, dass Fundamentalismus eine religiös begründete politische Ideologie ist, die spätestens seit dem Beginn der Siebzigerjahre in allen großen Religionen in Erscheinung tritt. Das gilt sowohl für solche Glaubensrichtungen, die im Gegensatz zum Islam gar nicht über eine dogmatische Textgrundlage verfügen — wie Buddhismus und Hinduismus —, aber auch für die anderen Offenbarungsreligionen wie Judentum und Christentum.
 
Auch im Islam des ausgehenden 20. Jahrhunderts ringen einander entgegengesetzte Zivilisationsstile um die aktualisierende Auslegung einer gemeinsamen kulturellen Tradition. Der traditionalistische Ansatz möchte die überlieferten religiösen Weltbilder, sozialen Strukturen, politischen Modelle und Lebensformen gegen die Veränderungen der modernen Welt möglichst weitgehend erhalten und verteidigen. Er ist jedoch zu unvermeidlichen Öffnungen und Wandlungen bereit und verzichtet in aller Regel auf eine gewalttätige Form der Selbstbehauptung. Der Fundamentalismus bildet sich in der Abwehr gegen die Erfolge, Probleme und Widersprüche der Modernisierung heraus.
 
Entwicklungen im Islam
 
Der islamische Fundamentalismus spielt aus drei Gründen eine herausgehobene Rolle in der öffentlichen Aufmerksamkeit und in der Weltpolitik. Der erste Grund besteht darin, dass sich in der Welt über eine Milliarde Menschen zum Islam bekennt und annähernd ein Viertel aller Staaten der Welt ihn als offizielle Staatsreligion oder zumindest als Religion der Bevölkerungsmehrheit definiert. Der zweite Grund besteht darin, dass islamische Herrschaftsverbände in der Geschichte mehrfach mit beträchtlichem Erfolg bis in die Kernbereiche der christlichen Kultur Europas vordrangen und die europäischen Kernländer zu unterwerfen drohten. Erst in der zu symbolischer Berühmtheit gelangten Schlacht bei Tours im Jahre 732 konnten die Ausdehnungstendenzen islamischer Macht, ausgehend vom bereits im spanischen Córdoba errichteten Kalifat, gestoppt werden. Der dritte Grund besteht darin, dass islamisch dominierte Staaten im Süden und Osten Europas zahlreiche Grenzen mit Ländern christlicher Tradition teilen, beginnend von Gibraltar über die gesamten nordafrikanischen Mittelmeeranrainer und die Türkei bis zu den mittelasiatischen Grenzstaaten der ehemaligen Sowjetunion. Aus all diesen Gründen sehen sich die europäischen Länder von Entwicklungen im Islam stärker betroffen als von solchen in anderen Religionen der Welt. Das hat zu der irreführenden Gleichsetzung von Islam und Fundamentalismus beigetragen. Durch die Revolution in Iran 1979 und ihre Folgen ist der Islam darüber hinaus zum Musterbeispiel einer politisch motivierten fundamentalistischen Ideologie geworden.
 
 Die Grundlagen des Islam
 
Das arabische Wort »Islam« bedeutet im Deutschen so viel wie »Hingabe (an Gott)«, »Unterwerfung (unter den Willen Gottes)«. »Muslim«, die Bezeichnung für den Anhänger des Islam, gehört zu demselben Wortstamm und kann mit »derjenige, der sich (Gott) hingibt« wiedergegeben werden. Der Islam, wie er in den Texten und Äußerungen seines Begründers Mohammed (um 570 bis 632 n.Chr.) ursprünglich formuliert wurde, baut auf den Lehren der jüdischen und christlichen Überlieferung auf und erhebt den Anspruch, sie in letztgültiger Form zu vollenden. Als Religion des einen Gottes Allah (»Gott«) und auf der Grundlage des seinem Propheten Mohammed offenbarten heiligen Textes, des Korans, umfasst er Heilslehren, Lebensregeln und Grundsätze der Ordnung des sozialen Zusammenlebens, die durch und durch das Gepräge der Zeit ihrer Entstehung tragen. Dieser besonders strikt monotheistischen Religion zufolge ist Allah der einzige Gott, Mohammed dessen allein berufener Prophet und der Koran der allein von Gott inspirierte Text, in dem der Anspruch, die Verheißung und die Regeln des Islam ihren Niederschlag gefunden haben. Aus dem Text des Korans selbst ergeben sich die vier Säulen des Islam: die täglichen Gebete (salat) — fundamentale Pflicht im religiösen Leben der Muslime, das Almosen oder die Armensteuer (zakat), das Fasten im heiligen Monat Ramadan und die Wallfahrt (hadjdj), die der Muslim einmal im Leben nach Mekka zu unternehmen hat. Alle Muslime der Welt bilden eine religiöse Gemeinschaft, die umma.
 
Obgleich der Islam sich immer als eine Doktrin für Religion und Staat (din wa daula) verstand, wurden viele der rechtlichen und politischen Konsequenzen dieser Religion, wie auch solche der persönlichen Lebensführung der Gläubigen und der Stellung der Religion im öffentlichen Leben, erst im Laufe seiner Geschichte von Rechtsgelehrten entwickelt. Dabei galten ihnen das Leben des Propheten als religiösen Führers und Kriegsherrn, die Interpretation des Korans und Analogieschlüsse auf die eigene Erfahrung als Quellen. Der Islam war von Anbeginn von mehreren tief gehenden und weit reichenden Spaltungen — Schiismus und Sunnismus, die vier großen Rechtsschulen, zahlreiche Sekten, Sufismus — gekennzeichnet, die schon mit dem Tode Mohammeds ihren Anfang nahmen und seither in zunehmendem Maße die religiösen Doktrinen, die Formen der Lebenspraxis, das Rechts- und Staatsverständnis und die vorherrschenden Zivilisationsstile in der islamischen Welt von Marokko bis Indonesien geprägt haben.
 
 Der Aufstieg des Fundamentalismus in den Siebzigerjahren
 
Seit der Expedition des napoleonischen Heeres nach Ägypten war die islamische Welt im 19. Jahrhundert verstärkt Kontakten mit einer in technischer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht als weit überlegen erfahrenen westlichen Kultur konfrontiert. Der damit ausgelöste Schock ist einer der tieferen Gründe für die spätere Entstehung eines islamischen Fundamentalismus. Da im Islam die Überlegenheit der eigenen Religion immer als der schlagendste Beweis ihrer Richtigkeit gedeutet worden war, hat dieser Schock der Unterlegenheit und der Kränkung viele Versuche einer Neubestimmung der religiösen Überlieferung ausgelöst. Seither sind die Bestrebungen innerhalb des Islam, sich auf die eigene Religion und ihre Konsequenzen für Gesellschaft, Kultur und Politik neu zu besinnen, nicht mehr zur Ruhe gekommen.
 
Einflussreich waren Bestrebungen seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, den Islam und seine gesellschaftliche und politische Rolle im Lichte der Aufklärung der westlichen Kultur neu zu interpretieren. Der Zerfall des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg hatte dem islamischen Konzept einer Gemeinschaft aller Gläubigen ein Ende gesetzt. Die aus Europa übernommene Idee des Nationalstaates gewann nun überall in der islamischen Welt ausschlaggebende Bedeutung. Die meisten islamischen Staaten schufen bis in die Gegenwart hinein Verfassungen, die auf spezifischen Kombinationen des europäischen Staatsverständnisses einerseits und Elementen aus der islamischen Tradition andererseits bestanden, einschließlich eines gewissen Maßes an Gewaltenteilung, Begrenzung der Rolle der Religion und des islamischen Rechtsgesetzes sowie der Einrichtung von Parlamenten, wenn auch ohne volle demokratische oder rechtsstaatliche Legitimation. Ein ausgebautes Grundrechtssystem ist den Verfassungen der islamischen Länder fremd geblieben. Gleichwohl wurde im Bereich des öffentlichen Rechts in den islamischen Staaten, mit wenigen Ausnahmen, der moderne Einfluss prägend. Das islamische Rechtsgesetz, die Scharia, beschränkte sich zumeist auf die Regelung des Erb- und Familienrechts, Zivilgesetzbücher hingegen waren an Normen des europäischen Rechts orientiert. Religiöse Minderheiten waren fast überall geschützt.
 
Schon im Jahre 1926 war in Ägypten die Muslimbruderschaft gegründet worden, die als Vorbote eines Fundamentalismus gesehen werden kann, der die Selbstbehauptung des Islam gegen den Westen nur in einer konsequenten Rückkehr zu einem rigiden Verständnis des Islam und seiner Bedeutung für das ganze öffentliche Leben gewährleistet sah. Sie wurde zur Keimzelle des modernen Fundamentalismus. Erst seit den Siebzigerjahren hat dieser dann überall in der islamischen Welt Auftrieb bekommen. Er stützt sich auf Elemente der islamischen Religion und Tradition und spitzt sie zu einer eigentümlich geschlossenen politischen Ideologie zu. Er nahm als »Revolte gegen den Westen« (Bassam Tibi) seinen Anfang und konnte seine Basis in dem Maße verbreitern und radikalisieren, wie Erfahrungen der Kränkung, der sozialen und ökonomischen Hoffnungslosigkeit, der nationalstaatlichen Zersplitterung und der widerspruchsvollen Modernisierung die Gesellschaften in großen Teilen der islamischen Welt erschütterten und zwischen Tradition und Modernisierung aufrieben. Wie die anderen religiös-politischen Ideologien des Fundamentalismus ist auch der islamische Fundamentalismus ein selektiver Antimodernismus: Er strebt nach der Übernahme zentraler Errungenschaften der modernen Kultur, insbesondere in den Bereichen der Wissenschaft, der Waffentechnologie, der Kommunikation und der modernen Technik. Zugleich will er aber die kulturell-politischen Grundnormen der Moderne, insbesondere Pluralismus, Toleranz, Menschenrechte und Demokratie außer Kraft setzen und durch die geschlossene Form einer alle Lebensbereiche umfassenden Ideologie auf dem Boden absolut gesetzter dogmatisierter Religionsbestände ersetzen. Insofern ist auch der islamische Fundamentalismus einerseits ein Produkt der Moderne, denn er reagiert auf seine Weise auf ihre Widersprüche. Aber er will andererseits die technisch-wissenschaftlichen Errungenschaften übernehmen, denen er eine vorübergehende Überlegenheit zuschreibt. Gleichzeitig bekämpft er die Grundnormen der modernen Kultur kompromisslos.
 
Der islamische Fundamentalismus als politische Ideologie greift zurück auf die frühesten Traditionsbestände des Koranverständnisses und entzieht sie jeder modernisierenden Deutung. Er setzt die Scharia, die sich selbst nicht im Koran findet, sondern ein Produkt islamischer Rechtsgelehrter des frühen Mittelalters ist, als eine unmittelbar religiös geheiligte Grundnorm für die öffentliche Sittlichkeit und das gesellschaftliche Recht in den Rang einer eindeutig offenbarten Wahrheit und entzieht sie damit dem Wandel und der Angleichung an die gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart. In Rückgriff auf die Lehre des Propheten Mohammed und einer Reihe seiner Nachfolger aus religiöser, politischer und militärischer Führerschaft — die aus den Umständen ihrer Zeit entwickelt wurde — bedingt der Fundamentalismus die unmittelbare Einheit von offenbarter religiöser Wahrheit, gesellschaftlichen Rechtsnormen und politischer Herrschaft. Sie wird verkörpert und vollzogen durch einen berufenen religiösen Führer, der religiöse Hingabe, rechtswissenschaftliche und theologische Gelehrsamkeit und entschlossenen politischen Führungswillen in seiner Person vereinigt.
 
Das wichtigste Merkmal des islamischen Fundamentalismus ist, wie bei den anderen Formen des Fundamentalismus auch, der Anspruch der absoluten Verbindlichkeit für seine besondere Interpretation von Religion, Rechtsverständnis und politischen Ordnungsvorstellungen. Er leitet daraus sein Recht und seine Pflicht zur Vormundschaft und Herrschaft auch über die Individuen und Gruppen ab, die innerhalb der eigenen religiösen und kulturellen Traditionen andere Deutungen und Fortsetzungen der Überlieferung für sich in Anspruch nehmen wollen.
 
Khomeini und der Schiismus
 
Die Grundlegung einer solchen religiös-politischen Ideologie, ihre Umsetzung in die Praxis und ihre Handhabung gegen Widerstrebende haben Khomeini und seine Anhänger in Iran in den Jahren nach der Niederwerfung des Schahregimes durch eine breite Oppositionsbewegung, in der anfänglich vielfältige Vorstellungen von Reformen in Religion, Wirtschaft, Staat und Gesellschaft konkurrierten, auf exemplarische Weise demonstriert. Es war kaum die Sehnsucht nach einem »Gottesstaat« fundamentalistischer Prägung, was die Konsensgrundlage des Widerstandes großer Teile der iranischen Bevölkerung gegen das Schahregime Ende der Siebzigerjahre gebildet hatte. Obgleich der Fundamentalismus schiitischer Prägung in diesem Widerstandskampf immer eine motivierende Rolle gespielt hatte, erscheint die Art, wie er letzten Endes politisch triumphierte, als Modellfall des islamischen Fundamentalismus. Iran war durch die übereilte, in erheblichem Maße von außen — vor allem durch die USA — mitgesteuerte Modernisierung, die unter der Herrschaft von Schah Mohammed Resa seit dessen Machtübernahme in den Fünfzigerjahren stattgefunden hatte, in eine tiefe soziale und wirtschaftliche Krise geraten. Unter der aktiven und von der Zustimmung der Bevölkerung weitgehend losgelösten Führungsrolle des Schahs und einer kleinen Modernisierungselite wurde das Land in den Sechziger- und Siebzigerjahren einer hektischen industriellen Modernisierung unterzogen, die auf seine sozialen und kulturellen Traditionen kaum Rücksicht nahm. Sie löste andererseits aber auch ihre eigenen Versprechen hinsichtlich der Schaffung von Arbeitsplätzen sowie besserer sozialer und ökonomischer Entwicklungsperspektiven für die ganze Bevölkerung nicht ein.
 
Seit der Mitte der Siebzigerjahre zeigte es sich, dass die überstürzte Industrialisierung große Teile der Bevölkerung durch Gefährdung ihrer ökonomischen Existenzgrundlage in Mitleidenschaft zog. Die gesellschaftlich höchst einflussreichen Klein- und Großhändler des Basars von Teheran sahen sich in ihrer sozialen und wirtschaftlichen Position gefährdet. Als Folge der von oben durchgeführten »weißen Revolution« in der Landwirtschaft in den Sechzigerjahren wuchs die Zahl der Landflüchtigen in den riesigen Slums von Teheran ständig an, die in den Siebzigerjahren den Nährboden für fundamentalistische Agitation bildete. Erst die Konflikte, die sich aus diesen überhasteten, rücksichtslosen und krisenhaften Versuchen einer Modernisierung des Landes von oben ergaben, haben dazu geführt, dass ein Teil der traditionalistischen islamischen Milieus in den Städten die fundamentalistische Option übernahm und der Errichtung eines »Gottesstaates« im Lande nach den Vorstellungen Khomeinis der Boden bereitet wurde.
 
Khomeini konnte sich mit der zunächst vagen Vorstellung einer »Islamischen Republik« an die Spitze einer sehr viel breiter angelegten Oppositionsbewegung gegen den Schah setzen. Nach dem Sturz der Monarchie bestimmte er allein das weitere Geschehen. Er war 1964 aus dem Iran verbannt worden und lange Zeit innerhalb des anwachsenden iranischen Widerstandes ohne entscheidenden Einfluss. Seine bereits 1970 im irakischen Exil veröffentlichten Vorstellungen über eine Herrschaft der Gottesgelehrten als Staatsmodell für den Iran blieben lange ohne öffentliche Resonanz. Selbst nach Vertreibung des Schahs und dem Sieg der Opposition vollzog Khomeini ohne öffentliche Klärung seiner eigentlichen Vorstellungen mit größter Konsequenz deren politische Umsetzung und schuf jeweils vollendete Tatsachen.
 
In Iran herrscht der schiitische Zweig des Islam vor, der innerhalb der islamischen Welt mit 10 Prozent die kleinere der beiden Hauptgruppen bildet. Der Name dieser Richtung, Schia, bedeutet im Arabischen »Partei«, »Anhängerschaft«. Er bezeichnet die Partei derer, die in Ali Ibn Abi Talib, dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen die allein legitimen Nachfolger (Imame) des Propheten sehen. Im Gegensatz dazu wird die Glaubensgrundlage der Sunniten — von arabisch sunna »Satzung« — durch den Koran, die Sunna, das heißt die Gesamtheit der überlieferten Aussprüche, Entscheidungen und Verhaltensweisen des Propheten, und die übereinstimmenden Meinungen der vier ersten Nachfolger Mohammeds, der Kalifen, gebildet. Die Schiiten verweigerten den nachfolgenden Kalifen die Gefolgschaft. Stattdessen warten sie auf Erlösung durch die Rückkehr des zwölften Imam, der nach der Lehre der Imamiten, der größten schiitischen Gruppe, seit 873 in der Verborgenheit darauf wartet, eines Tages als Mahdi, als Welt- und Glaubenserneuerer, wiederzukehren, um in der Stunde der größten Verwirrung als Herr eines islamischen Weltreichs Legitimität, Ordnung und Rechtgläubigkeit neu zu begründen.
 
 Islamische Republik Iran
 
Mit Geschick und Charisma war es Khomeini im Verlauf der Siebzigerjahre gelungen, die Führung der Opposition zu übernehmen, als der Unmut gegen die gescheiterten Modernisierungsversuche des Schahs wachsende Bevölkerungsschichten ergriff, die nun erneut im Islam die bessere Perspektive für ihre soziale und persönliche Anerkennung sowie ihre wirtschaftliche und politische Zukunft sahen. In den Augen vieler seiner Gefolgsleute erschien er sogar als Vertreter des verborgenen Imam und konnte so dessen verheißene Wiederkehr für sich und sein fundamentalistisches Projekt nutzen. Mit seiner zweigeteilten Erfolgsstrategie, einerseits neueste Technik für seine Kampagnen zu nutzen und durch die landesweite Verteilung von Tonbändern sein Charisma wirken zu lassen, aber andererseits die politischen und kulturellen Normen der Modernisierung kompromisslos zu bekämpfen, verkörpert Khomeini in beispielhafter Weise den religiös-politischen Fundamentalismus. Im Verlauf der iranischen Revolution nutzte er seine religiöse Autorität, seine populistische Ausstrahlung und den lange von ihm gepflegten Anschein, dass es ihm allein um die Überwindung der Diktatur des Schahs und nicht um die politische Macht ginge, um Schritt für Schritt alle nichtfundamentalistischen Gegner und Konkurrenten auszuschalten. Zunächst verdeckt, später offen, trieb er ab 1980 die Reislamisierung des öffentlichen und privaten Lebens im Iran voran und errichtete schließlich eine absolute Theokratie, die in dieser Form niemals im Lande zur Diskussion gestanden hatte. Diese Reislamisierung von Kultur, Gesellschaft und Staat, die nun von Khomeini und seinen Anhängern zielstrebig betrieben wurde und jeglicher Opposition sehr rasch die Grundlage entzog, begann mit der Verbannung aller »unmoralischen« Kräfte und Produkte aus Presse, Rundfunk, Fernsehen und Kinos. Gefolgsleute übernahmen die Einflusspositionen, missliebige Journalisten und Kulturschaffende wurden entlassen und verfolgt. Im Namen des Islam wurde die Demokratie als Teil des korrupten westlichen Wertesystems zuerst öffentlich in Misskredit gebracht, dann als Verrat am wahren Islam gebranntmarkt und ihre Befürworter damit zu Glaubensverrätern gestempelt. Schließlich wurden die noch im Anfangsstadium steckenden demokratischen Strukturen der Übergangszeit gänzlich abgeschafft. »Ich warne euch! Seid wachsam... lasst euch nicht durch das Wort »Demokratie« in die Irre führen! Demokratie ist westlich und wir lehnen westliche Systeme ab«, verkündete Khomeini.
 
Der Sieg der Fundamentalisten
 
Bei der Volksabstimmung über die Einführung der »Islamischen Republik« im März 1979 war öffentlich keineswegs klargestellt, was das im Hinblick auf die Art und Rolle der Institutionen, die Volkssouveränität und andere politische und rechtliche Grundsatzfragen im Einzelnen zu bedeuten hatte. Khomeini, der von seiner großen geistlichen und politischen Popularität profitierte und für Teile der Bevölkerung immer noch den Mythos des zurückgekehrten verborgenen Imam verkörperte, warnte aus Anlass der Volksabstimmung, wer gegen die Islamische Republik stimme, würde sich für ein westliches Regime entscheiden. Durch geschickte Regie war damit aus einer zunächst religiös geprägten Kampagne gegen die Tyrannei des Schahs in scheinbarer Kontinuität der Argumentation nach der Machtübernahme ein fundamentalistischer Kampf gegen Demokratie, Pluralismus, Toleranz und Menschenrechte geworden, der von Khomeini ebenso im Namen von religiöser Wahrheit und islamischer Gerechtigkeit geführt wurde wie zuvor die Revolution gegen den Schah.
 
Die Sehnsucht der entfremdeten, verelendeten oder benachteiligten Teile der iranischen Gesellschaft nach sozialer Harmonie und einer neuen Einheit von Volk, Regierung und Führung wurde nun in ein fundamentalistisches Konzept der nahezu unbeschränkten politischen Machtübernahme der religiösen Führer umgemünzt. Die Volksabstimmung erwies sich als ein überwältigender Erfolg für die Fundamentalisten. Sie gewannen 99,3 Prozent der Stimmen. Dabei spielte das Wahlverfahren selbst eine wesentliche Rolle: Die Wahlen waren öffentlich, in jedem Wahllokal gab es einen Tisch mit roten und grünen Stimmzetteln, eine Urne, Geistliche und bewaffnete Revolutionsgardisten; sichtbar für die Anwesenden konnte mit dem roten Stimmzettel gegen und mit dem grünen für die Islamische Republik gestimmt werden.
 
Die Stimmung und die Situation im Land ließ den Wählern schon zu diesem Zeitpunkt keinen Zweifel, dass unliebsames Abstimmungsverhalten zur Verfolgung oder sofortigen Verhaftung führen konnte. Auch die neue Verfassung wurde am 3. Dezember 1979 mit überwältigender Mehrheit angenommen. Die Abstimmung war abermals von warnenden religiösen Appellen Khomeinis begleitet. Damit waren die fundamentalistischen Ideen einer islamischen Staatsverfassung im Iran in Kraft gesetzt. Die Abschaffung der Pressefreiheit wurde von einer Repressionswelle gegen politische Organisationen und eigenständigen Initiativen von Studenten und Arbeitslosen begleitet. Innerhalb kürzester Frist waren alle Organisationen verboten, die nicht mit den Zielen des fundamentalistischen Projekts übereinstimmten. Die Rolle der Frau im öffentlichen Leben wurde nach fundamentalistischen Vorstellungen, begleitet durch eine öffentliche Kampagne, neu bestimmt. Schon kurz nach seiner Rückkehr ins Land hatte Khomeini mit einem Aufruf zum Ekel gegenüber allen Bestrebungen zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen die Frauenrechte verächtlich gemacht und bereits im Mai 1979 war im Zuge dieser Kampagne eine Frau in der Öffentlichkeit ausgepeitscht worden. Weitere Frauen wurden später unter der Anklage der Unzucht hingerichtet.
 
Islamisierung des Rechtswesens
 
Unter der Parole einer Wiedereinführung der Scharia wurde ein System barbarischer physischer und psychischer Unterdrückung sowie der politischen Willkürherrschaft der Mullahs und ihrer Vertreter eingeführt. Missliebige Personen, die durch ihre Äußerungen, ihr Auftreten oder ihr Verhalten den Unwillen der Mullahs hervorriefen, wurden in religiösen Begriffen als »Verderbnisstifter auf Erden« oder »Krieger gegen Gott« zuerst außerhalb der Gemeinschaft und damit jeglichen Rechtsanspruchs gestellt und dann gnadenlosen Repressalien unterworfen. Khomeini persönlich trieb die vollständige Islamisierung des Rechtswesens voran. Waren seit der Machtübernahme der Mullahs ohnehin schon Tausende Missliebiger eingekerkert, gefoltert und hingerichtet, viele Frauen vergewaltigt oder gesteinigt worden, so wurden nun barbarische Strafsanktionen in Rechtsform gegossen. Im neuen Strafgesetzbuch wurden die Anlässe und die genauen technischen Regelungen für Steinigung, Auspeitschung oder das Abhacken von Gliedmaßen im Einzelnen geregelt.
 
Die neue Verfassung Irans war den fundamentalistischen Vorstellungen Khomeinis angepasst worden. Der Islam in seiner fundamentalistischen Deutung wurde zur obersten Legitimationsinstanz politischer Herrschaft. Der geistlich zusammengesetzte »Überwachungsrat« kontrollierte fortwährend die Konformität der Gesetze und ihrer Anwendung mit dem von ihm verfochtenen Verständnis des Islam. In der neuen Verfassung war festgelegt: »In der Islamischen Republik Iran steht während der Abwesenheit des verschwundenen 12. Imams — Gott möge ihn bald wieder erscheinen lassen — der Führungsauftrag (Imamat) und die Führungsbefugnis in Angelegenheiten der islamischen Gemeinschaft dem gerechten, gottesfürchtigen, über die Erfordernisse der Zeit informierten, tapferen, zur Führung befähigten Rechtsgelehrten zu, der von der Mehrheit der Bevölkerung als islamischer Führer anerkannt und bestätigt wurde. Falls kein islamischer Rechtsgelehrter eine solche Mehrheit findet, übernimmt ein Führungsrat islamischer Rechtsgelehrter, welche die obigen Voraussetzungen erfüllen, gemäß Grundsatz 107 die Führung.« Zu den Befugnissen der islamischen Führung zählen laut Verfassung die Ernennung der Rechtsgelehrten im Wächterrat, der in der Art eines Verfassungsgerichts die letztgültige Prüfung aller Gesetze vornimmt, der Oberbefehl über die Streitkräfte, die Erklärung von Krieg und Frieden sowie die Absetzung des vom Volk gewählten Präsidenten der Republik. In der internationalen Politik deutet die Verfassung darauf hin, dass nichtislamischen Staaten keine Rechtssubjektivität zugestanden wird. Damit war die Vollendung des fundamentalistischen Staates, zu Beginn durchaus noch unter dem offenen Protest führender islamischer Geistlicher, die ein anderes Verständnis ihrer Religion und deren Beziehung zum öffentlichen Leben hatten, vollendet.
 
Prof. Dr. Thomas Meyer
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Golfkrieg: Regional- und weltpolitische Aspekte der Golfkriege
 
 
Chomeini, Ruhollah al-Musawi al-: Der islamische Staat. Aus dem Persischen. Berlin 1983.
 Fooladvand, Azizollah: Der Modernisierungsprozeß im Iran in den 60er Jahren als Impuls für die Enststehung des Fundamentalismus. Göttingen 1998.
 
Der Islam in der Gegenwart, herausgegeben von Werner Ende und Udo Steinbach. München 41996.
 Marty, Martin E. / Appleby, R. Scott: Herausforderung Fundamentalismus. Radikale Christen, Moslems und Juden im Kampf gegen die Moderne. Aus dem Englischen. Frankfurt am Main u. a. 1996.
 Meyer, Thomas: Identitäts-Wahn. Die Politisierung des kulturellen Unterschieds. Berlin 1997.
 Nirumand, Bahman / Daddjou, Keywan: Mit Gott für die Macht. Eine politische Biographie des Ayatollah Chomeini. Taschenbuchausgabe Reinbek 1989.
 Tibi, Bassam: Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpolitik. München 21993.

Universal-Lexikon. 2012.

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